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Alles Expedition oder was?

Ankern in den Bijagós. Wann ist eine Expedition eine Expedition?

Ankern in den Bijagós. Wann ist eine Expedition eine Expedition?

Immer öfter scheinen Seglerinnen und Segler nicht mehr einfach einen Törn oder, banal ausgedrückt, eine Reise zu unternehmen. Sie begeben sich viel mehr auf eine veritable „Expedition“. Ihre Yachten bezeichnen sie entsprechend als Expeditionsschiffe. Oft handelt es sich dabei tatsächlich um solide Alu-Konstruktionen, die wohl in der Lage wären, extremen Bedingungen standzuhalten. Doch ist eine Reise, die man auf einem Alu-Pot mit wasserdichter Niedergangsluke unternimmt, deshalb automatisch eine Expedition?

Fehlende Leerstellen

Was ist eine Expedition überhaupt? Das Lexikon bezeichnet eine Expedition, abgeleitet vom Lateinischen expeditio, Feldzug (sic.), als Forschungs- oder Entdeckungsreise, wobei selbstredend das zu erforschende Gebiet oder der zu erforschende Gegenstand als Wissenslücke seine Anziehungskraft auf die Explorierenden ausübt. Geographisch sind unerforschte Gebiete bekanntlich selten geworden. Bleiben wissenschaftliche Leerstellen, denen man sich hingeben mag – oder der Jagd nach den Schätzen der Erde, nach denen die sogenannte Fortschrittstechnologie verlangt.

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Insgesamt. Es scheint eigentlich gar nicht so leicht, heute auf Expedition zu gehen. Woher also die Inflation des Begriffs in der Szene der segelnden Weltenbummler?

Meine „Expeditionen „

Zugegeben: Auch ich habe im Zusammenhang mit einer mehr oder weniger banalen Reise, einer Reise in bestens kartographiertes Gebiet ohne Eisberge oder Ungeheuer, schon einmal von Expedition gesprochen, obwohl Blue Alligator guten Gewissens kaum als Expeditionsschiff bezeichnet werden kann. Obgleich mir gleich einige Boote einfallen, die – keineswegs solider oder besser ausgestattet als meine Victoria 34 – in expeditionswürdigen Bedingungen unterwegs waren. Zu meine Lieblingsbeispielen gehört „Dodo‘s Delight“, eine Westerly Discus, 33 Fuss lang und auch schon etwas betagt. Reve­rend Captain Bob Shepton, geboren 1935, besegelte mit ihr in einem Alter, in dem andere ihren Rollator zum Einkaufen schieben, unter anderem die grönländischen Fjorde. Mit an Bord war eine Gruppe von Profikletterer, die nicht nur eisige Gipfel erklommen, sondern darüberhinaus eine Menge vergnüglichen Unsinn trieben. Unter anderem komponierten sie einen echten Sea-Shanty und produzierten dazu auch gleich ein Musik-Video, das ich jedem Freund der Seefahrt wärmstens ans Herz lege und die dem braven Schiffchen und ihrem Skipper ein würdiges Denkmal setzten.

Aber ich schweife ab. Meine „Expedition“ brachte mich damals zu den Ilhas Selvagens, ein paar karge Felsen zwischen Madeira und den Kanaren, bewohnt von Vögeln, Eidechsen und ein paar Parkwächtern. Eigentlich war es gar nicht meine Expedition. Ich war im Grunde bloss Skipper und Blue Alligator das Transportvehikel.  Es war die Expedition meiner Begleiter, die dort tauchen wollten. Und eigentlich waren sie längst nicht die ersten, die das taten, weshalb die Verwendung des Begriffs ziemlich anmassend gewesen ist.

Herausgekommen ist nicht viel. Nicht einmal ein Song. Dabei hätten wir wenigstens nach dem Schatz des legendären Captain Kidd suchen können, der auf der Insel versteckt sein soll. Das wäre zumindest expeditionswürdig gewesen.

Die Bijagos-Expedition

Als ich später in einer Flottillie von insgesamt sechs Booten zu den Bijagos segelte, sprachen einige der Teilnehmer ebenfalls von „Expedition“. Irgendwie schien mir das, dem Begriff schon etwas kritischer begegnend, zu hochtrabend. Dabei gehört das Archipel vor der Küste Guinea-Bissaus zu den eher unerschlossenen „Cruising Grounds“ der Erde. Aber weder wurden wir von den Bewohnern der Inseln mit Pfeilen beschossen, wie es den portugiesischen Enteckern im 15. Jahrhunder ergangen sein soll – einzig ein erzürnter Fischer schleuderte einem der Boote eine Eisenstange an Bord –, noch ertasteten wir unseren Weg durch das Labyrinth aus Inseln und Sandbänken mit Hilfe von Tiefenmesser und Ausguck, wie es sich für echte Entdecker gehört. Die elektronischen Seekarten waren für diese Gebiet beinahe unverschämt akkurat. Selber schuld, wer da auf Grund lief.

Unsere Leiden – man lese in Kontrast dazu die Berichte über die Erkundung der Nordwestpassage oder, wer es vergnüglicher mag, den wunderbaren Roman von T. C. Boyle „Wassermusik“ über die Entdeckungsreisen des Schotten Mungo Park zum Niger. Unsere Leiden also beschränkten sich auf ein paar Schweisstropfen, etwas verunreinigten Diesel und verhedderte Ankerketten. Nichts, was man nicht mit einem kühlen Bier in einer der inzwischen zahlreichen Touristen-Lodges hinunterspülen konnte, wo polnische Reisegruppen und portugiesisches Botschaftspersonal sich kontrastreich von der insularen Bevölkerung abhoben.

Die Reise ins eigene Herz der Finsternis

Aber vielleicht bin ich ungerecht – mir selbst und den vielen Erkundern gegenüber, die YouTube mit ihren Expeditionen fluten. Geht es nicht auch darum, die eigenen Grenzen zu erweitern und die dunklen Flecken des inneren Terrains zu ergründen? Sind nicht das die Expeditionen, die das 21. Jahrhundert für uns übrig hat, die sich keine Weltraumflüge leisten können? So gesehen, ist auch eine Atlantiküberquerung im vergleichsweise sicheren Pulk einer Atlantic Ralley for Cruisers eine Expedition, denn auch auf einer 50-Fuss-Luxusjacht kann man in drei Wochen auf See sein unbekanntes Ich entdecken, wenn schon nach einer Woche der Kühlschrank aussteigt. Allerdings ist dann die Platitüde auch nicht mehr weit, wonach das ganze Leben eine Expedition ist – ins eigene Herz, das zuweilen so finster ist wie Conrads Geschichte über Kurz im Kongo.

Der Lauf der Sprachentwicklung

Ein Dilemma. Begriffe nützen sich ab und bald wird man unter Expedition etwas so Alltägliches verstehen wie eine Pauschalreise nach Mallorca. Das ist der Lauf der Sprachentwicklung. Angetrieben wohl vom Wunsch, die eigene Tat auf dem Aufmerksamkeitsmarkt – in unserem Fall der sozialen Medien – besser zu verkaufen, erfährt der Begriff eine Entwertung wie der Dollar unter Trump.

Apropos: Eine andere Masche scheint darin zu bestehen, sich als Novize zu outen, der von Boot und Navigation keine Ahnung hat, aber trotzdem auf Weltreise aufbricht. Frühere Abenteurer waren auf ihren Expeditionen nicht selten leichtsinnig, leichtgläubig und nachgerade suizidal unterwegs. Manche überlebten bloss dank steiler Lernkurve oder der Gnade der Menschen, die sie glaubten, entdeckt zu haben. Andere starben aufgrund ihrer eigenen Ignoranz (siehe Franklin und Co). Aber wenn die Essenz einer Expedition nur darin besteht, das eigene Unwissen zu überleben, ist der Begriff wohl bald so ausgehöhlt wie ein Kinderschockoladenei ohne Überraschung.

Ob all der trüben Gedanken schaue ich mir das Video von „Dodo‘s Delight“ zum weiss-ich-wievielten Mal an und sehe das Bötchen an Eisbergen vorbeisegeln, in einsamen Buchten schaukeln und durch die Wellen des Nordatlantiks stampfen, sehe den Reverend, in knallgelbes Ölzeug gepackt, auf der Kajütenbank dösen und die lustigen Bergsteiger auf dem Mast herumtollen. Da überkommt mich geradezu die Lust auf eine Expedition.

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