Blue Alligator

Blue Alligator
Blue Alligator

Kann man über ein Boot, sein Boot, nüchtern schreiben? Ich kann es nicht. Natürlich: Ich kann Fakten aufzählen. Zum Beispiel, wann Blue Alligator gebaut worden ist (1994). Und wo (bei Warsash – nein, nicht Warschau, gemeint ist ein Kaff zwischen Southampton und Portsmouth). Wie lang sie ist (34 Fuss. Bitte selber rechnen) und mehr solcher Dinge, die in offiziellen Dokumenten wie dem Flaggenschein stehen.

Aber habe ich damit das Wesentliche gesagt? Nicht für mich.

The Mistress

Vor drei Jahren dürfte es gewesen sein, als Katrin, meine Frau, mir einen Schlüsselanhänger für die Schiffsschlüssel schenkte. Ein schlichtes metallenes Plättchen mit einer simplen Gravur. Auf dem Plättchen steht „Mistress“. Feine Ironie meiner Frau. Wären es die Schlüssel zum Logis einer Geliebten aus Fleisch und Blut hätte ich zwar anstatt eines Plättchens wohl eher einen Blattschuss abbekommen. Aber ganz ohne ist das ja auch nicht. Und ich muss gestehen, dass ich dieses Boot verwöhne wie eine wahre Geliebte. Sie bekommt so ziemlich alles, was sie braucht und darüber hinaus noch vieles mehr, das sie vielleicht nicht braucht, ich aber für notwendig halte oder ganz einfach für schmuck.

Das sind natürlich keine üppigen Blumensträusse und fette Klunker. Vielmehr sind das elektronische Gadgets im neuesten Design, die ultimativ saugende Bilgenpumpe (das ist jene Pumpe, die Wasser aus dem tiefsten Ort des Bootes pumpt, eben der Bilge), extra dicke Kabel, damit sich ja nichts überhitzt, ständig neue Leinen in hübschen Farben – zum Setzen der Segel oder einfach nur zum Festmachen, Söckchen über die Fender (jene wurstförmigen Dinger aus Plastic, die man über die Seite hängt, damit die Bordwand nicht am Steg scheuert – und mit Fendersocken scheuern sie eben noch weniger), immer mal wieder eine Politur, damit der blaue Rumpf glänzt und strahlt und die Kratzer, die böse Nachbarn Blue Alligator zugefügt haben, wieder verschwinden. Welcher Liebhaber spendiert seiner Geliebten denn regelmässig ein Facelifting – nach 16 Jahren Beziehung? Da könnte sich manch einer was abschneiden von dergleichen Hingabe. Ich sage: Das ist wahre Liebe.

Im Bauch von Blue Alligator

Aber dafür kenne ich auch jede Faser ihres Körpers und weiss mich inzwischen auch so zu falten, dass ich den hintersten Winkel in ihrem Innern erreiche. Keine Reise – seemännisch heisst das Törn – vergeht, ohne dass ich einen Abstecher durch eine ihrer Luken in die Tiefen des Rumpfs gemacht hätte, um etwas zu reparieren oder etwas zu ersetzen oder einfach nur um eine Schraube anzuziehen.

Dass sind die Momente, in welchen Mitsegler am besten von Bord gehen oder sich in ihre Kojen verziehen, wobei sie auch dort nicht davor sicher sind, aufgescheucht und vertrieben zu werden. Dann breitet sich ein Teppich von Werkzeugen im Schiffsbauch aus, ergänzt durch Lukendeckel, Polster und eben allem, was von einem an den anderen Ort verschoben werden muss wie Gitarrenkoffer, Bücher, Plaids, Flaschen, Plüschtiere (davon später), um sich den Weg zum einen, auf jeden Fall höchst unzugänglichen Winkel zu bahnen. Kurz: Es herrscht ein Chaos, dessen Logik sich nur einem erschliesst: mir. Meistens wenigstens.

Was sie mir gibt

Dergestalt ist also die Beziehung zwischen Blue Alligator und mir. Und nun könnte ich noch darüber sprechen, was sie mir gibt: ihre schönen Linien hervorheben. Aber wer Augen hat zu sehen, der sieht das ja hoffentlich selbst. Und ich könnte davon sprechen, wie weich sie durch die Wellen schneidet. Aber das ist die übliche Prosa, wenn Segler anderen Seglern von ihren Schiffen vorschwärmen. Klar, Blue Alligator tut das. Selbstredend. Aber ich will niemanden langweilen und schliesslich muss man ja auch noch was zu erzählen haben, wenn die Reise losgeht und die Wellen sich tatsächlich vor uns aufbäumen. Dann ist Zeit zum Schneiden.

Das Wichtigste ist wohl das Gefühl, das sich einstellt, wenn ich mit Blue Alligator unterwegs bin. Und die Art des Reisens, die sie mir ermöglicht. Aber davon handelt ja der ganze Blog. Also auch davon später.